...nicht wegsehen...im richtigen Moment.

Nach knapp einem Jahr Pause kehre ich an meinen Arbeitsplatz zurück, bewaffnet mit einem Kaffee, der mehr kostet als mein früherer Stundenlohn, und einer existenziellen Unsicherheit, die ich liebevoll „Neustart-Melancholie“ nenne. Mein Schreibtisch steht noch da, als hätte er mich nie verlassen, was ich ihm hoch anrechne. 

Ein Jahr Pause ist eine merkwürdige Zeitspanne. Lang genug, um zu vergessen, wie das Passwort lautet, aber zu kurz, um sich ernsthaft als „ehemaliger Mensch“ zu bezeichnen. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt: zum Beispiel, dass man um 11 Uhr vormittags frühstücken kann, ohne dass jemand „Brunch“ dazu sagt. Dass man Gedanken zu Ende denken kann. Und dass meine produktivste Phase zwischen 22:00 und 02:00 Uhr liegt – was mir im Berufsleben vermutlich niemand danken wird.

Nun sitze ich also wieder hier, in einem ergonomischen Stuhl, der mir verspricht, meinen Rücken zu unterstützen, aber vermutlich heimlich über mich lacht. Ich starre auf den Bildschirm, der mich anstarrt, und wir beide wissen: Einer von uns wird zuerst nachgeben. Spoiler: Ich war es früher nie.

Meine Kollegen begrüßen mich mit Sätzen wie „Na, wieder zurück in der Realität?“ – als wäre die Realität ein Ort, an dem man freiwillig Urlaub macht. Ich lächle wissend, als hätte ich während meiner Pause tiefe Erkenntnisse gewonnen. In Wahrheit habe ich vor allem gelernt, dass Socken in der Waschmaschine auf mysteriöse Weise verschwinden und dass ich erstaunlich viel Zeit mit dem Nachdenken über Dinge verbringen kann, die absolut keine Konsequenzen haben.

Ich versuche, mich wieder einzugliedern. Ich nicke bei Meetings an den richtigen Stellen, obwohl ich keine Ahnung habe, worum es geht. Ich sage Dinge wie „Das nehmen wir mal mit“ und „Lass uns das parken“, obwohl ich weder ein Auto noch einen Parkplatz besitze. Ich bin wieder Teil des Systems. Ein Rädchen. Ein halb motiviertes, leicht rostiges, aber charmantes Rädchen.

Und doch: Irgendetwas hat sich verändert. Ich arbeite langsamer, aber denke länger. Ich lache öfter, auch über mich selbst. Ich weiß jetzt, dass Produktivität kein Charaktermerkmal ist und To-do-Listen keine moralische Instanz.

Vielleicht ist das der wahre Erfolg dieses Comebacks: Ich bin nicht mehr nur zurück – ich bin anders zurück. Mit mehr Fragen, weniger Eile und einem sehr gesunden Misstrauen gegenüber allen E-Mails mit dem Betreff „Kurze Frage“.

 

Zehn Monate. Zehn Monate, in denen meine Kameras mehr Staub angesetzt haben als ein durchschnittlicher Philosophie-Wälzer im Regal eines Erstsemesters. Es war eine lange Phase der inneren Einkehr – oder, um es weniger prätentiös auszudrücken: Ich habe die Welt ohne den Sucher betrachtet und festgestellt, dass sie trotzdem existiert. Ein Skandal, eigentlich.
Nun aber regt sich der Zeigefinger wieder. Ganz vorsichtig, fast tastend.
Mein Weg zurück führt mich – wie könnte es anders sein – an den Sylter Strand. Dort, wo das Licht so eigenwillig ist, dass man es fast schon für eine intellektuelle Provokation halten könnte. Zwischen der unendlichen Weite der Nordsee und dem beharrlichen Schweigen der Dünen versuche ich mich an einer neuen Bestandsaufnahme. Es ist ein Spiel mit den Elementen: Der Wind zerrt an der Ausrüstung, der Sand sucht sich Wege in Ritzen, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren, und ich frage mich, ob die Kamera noch weiß, wer ich bin.
Vom rauen Küstenwind geht es dann zurück in die kontrollierte Stille des Studios. Hier herrscht kein Chaos, sondern das Diktat der Ästhetik. Zwischen Blitzköpfen und Reflektoren fühlt es sich ein bisschen so an, als würde man nach einem Jahrzehnt im Exil wieder seine Muttersprache sprechen – man stolpert über die Grammatik, aber die Melodie ist noch da.
Ich arbeite wieder. Langsam. Mit Bedacht. Und mit der tiefen Erkenntnis, dass ein gutes Bild oft weniger mit Technik zu tun hat als mit der Fähigkeit, im richtigen Moment nicht wegzusehen.

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